
Interview mit der führenden Ärztin des Zentrums N.W. Klimtschenko

In ihrem Interview für die Zeitschrift „Lidery Ukrainy“ berichtet die führende Ärztin des Polinar-Zentrums über ihre Sicht auf das Problem der Alkohol- und Drogenabhängigkeit.
In der Regel entspricht die Vorstellung eines Trunk- bzw. Rauschgiftsüchtigen über seine Erkrankung der Realität nicht — er sieht nur die Spitze des Eisbergs: „... na ja, gestern hab´ ich zu viel gesoffen, Stopp, aufgehört“ oder: „... ich weiß alles über die Drogen. Es ist schlimm, so habe ich immer Zeit, damit aufzuhören, so – ab Montag geht´s los“. Aber warum hat „Stopp“ versagt und warum kommt der „Montag“ nicht – unsere Patienten machen sich darüber keine Gedanken, Wissen und Begreifen sind verschiedene Sachen. „Drogensucht, Alkoholismus, andere Arten der Abhängigkeit sollen mittels der Suche nach dem Lebenssinn behandelt werden“, - so meint Fr. Dr. Klimtschenko. Gerade in dieser Klinik hilft man dem Kranken in erster Linie seine Abhängigkeit bewusst zu machen, und dann damit beginnen, sich davon zu befreien.
— Die Abhängigkeit von psychoaktiven Stoffen (Trunk-, Rauschgift-, Medikamentensucht) ist eine Krankheit der Familie. Erstens, in 50 % aller Fälle wird sie genetisch ererbt, zweitens, wenn es in der Familie nur einen Alkoholiker bzw. Drogensüchtigen gibt, leiden alle anderen Familienangehörigen psychisch, und die toxische Emotion und Intoxikation bei dem Metabolismus im menschlichen Körper rufen praktisch ähnliche Zerstörungen hervor.
— Warum sind doch so viele Menschen bereit zu zahlen, und sie zahlen für Alkohol und Drogen mit ihrem Leben?
— Für unsere Krankheit ist die fatale Einmaligkeit typisch. Ich beobachte meine Patienten schon 30 Jahre lang und sehe immer das gleiche Szenarium — Unlust, sich in einem Boot mit seinen „Brüdern im Unglück“ zu akzeptieren. Es ist ein Zerrspiegel-Spiel: „Was ich, schau mal ihn an?! Er ist bestimmt ein Alkoholiker, ich habe nur etwa mehr getrunken“. Diese Einmaligkeit ist gefährlich, denn sie ermöglicht dem Patienten nicht, die Realität seiner Lage zu begreifen. Das Hauptmedikament für unsere Patienten ist die Erkennung davon, was mit ihm passiert, den Mut, das zu akzeptieren und zu ändern, und als Ergebnis – um die Hilfe zu bitten. Unsere chemische Abhängigkeit als Krankheit ist „Hans in allen Gassen“ – das sind biochemische bzw. metabolische Störungen – Krankheit der Desadaption und psychologische – das ist Auffüllung des Ressourcenmangels, der Insuffizienz in dieser Welt. Alkohol und Drogen sind die großen Lügner, sie geben unseren Patienten das, wonach sie sich sehnen. „Der Alkoholiker ist der Mensch in Feuer, der zur See rennt. Und in der See ertrinkt er“. Unter dem Feuer sind die Gefühle zu verstehen, von denen man nicht los werden kann: Streben, Verantwortung für sein Leben und für alles, was in diesem Leben passiert, umzugehen, fehlende Duldsamkeit bei der Erreichung von gestellten Zielen, Alexithymie – Unfähigkeit, seine Gefühle zu spüren. Es ist Gefühl der Leere der eigenen Existenz. Diese Erlebnisse versuchen meine Patienten mit Alkohol und Drogen entweder zu beseitigen oder zu ergänzen. Nicht zufällig gehören ihre Erkrankungen zum Bereich Narkologie. Dieser Fachbegriff hat die gleiche Herkunft wie Narkose – die Schmerzbetäubung. Die Narkomanie ist die seelische Anästhesie. Aber die mentale Betäubung kann zum geistigen Tod führen.
— Wie ist es doch diesen Patienten zu helfen? Wie wichtig ist für sie ein Arzt?
— Der Arzt ist ein Heilmittel und jede Medizin soll patientenbezogen und dosiert sein. Die Überdosierung verwandelt die Arznei in Gift. Für unsere Patienten ist sehr die berufliche Reife wichtig, die die persönliche Ganzheitlichkeit eines Arztes und seine Fähigkeit ohne Projektion zu handeln vorbestimmt. Dafür ist es von großer Bedeutung, das weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung, in sich Bevormundung zu überwinden und das alte Postulat zu akzeptieren: der Arzt hat kein Recht, den Patienten mehr Gesundheit zu wünschen, als der Letzte sich selber. Das innere Jucken stillen und aufhören zu retten und zu verfolgen. Dann bekommt der Patient eine Chance für eine innerliche Entwicklung. Der Lebenssinn jedes konkreten Menschen offenbart sich und wird nicht ausgedacht. Der Sinn besteht nicht für sich selbst, sondern in einer bestimmten Situation für eine konkrete Person. Er ist einmalig. Der Arzt soll den Patienten keinen Lebensinhalt aufzuzwingen, sondern nur helfen ihn zu finden. Wenn man das Ziel vergisst und sich in Mitteln verliert, bekommt man eine „Wochenend-Neurose“ – das Gefühl der Leere seines Lebens. Die Opfer dieses Zustandes saufen sich voll oder „laden sich etwas auf den Hals“, um sich vom Schreck dieser Leere zu retten. Unsere Patienten sind psychologisch unreife Leute und es ist notwendig, ihnen das Reichtum der Welt der Werte zu erklären und zu helfen Flexibilität und Fähigkeit auszuarbeiten, sich auf eine andere Wertgruppe umzuschalten, wenn Interesse für eine reale verloren geht. Der Mensch muss eigentlich multiaddiktiv sein.
— Heute wird viel und sogar vorbestimmt von der genetischen Disposition zur chemischen Abhängigkeit geredet. Was meinen Sie in diesem Zusammenhang?
— Ich glaube, dass ich wirklich in meinem Leben Glück gehabt habe, als ich im Jahre 1976 in die Narkologie kam, ohne jegliche Ahnung zu haben, was Alkoholismus oder Drogensucht bedeutet, denn es gab so eine Erscheinung in unserem Land nicht, im Jahre 1978 hatte ich meine primäre Spezialisierung in der Narkologie. Und mein erster Lehrer erklärte uns schon damals, dass es in dieser Krankheit mehr Philosophie als Materialismus gibt, dass diese Erkrankung eine Familienkrankheit ist, Krankheit der natürlichen Selektion. Trunk- und Rauschgiftsucht ist keine Strafe, sondern Probe der Sippe. Die Leute wachsen geistig und werden emotional erwachsen üblich, wenn sie Schwierigkeiten, Schmerz, Ärger erleben. Wenn wir lernen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung auf sich zu nehmen. Ich erinnere mich an eine Szene aus dem Spielfilm „In meinem Tod ist Klawa K. schuld“: der Hauptheld, der Schüler der 3. Klasse hat sich in seine Mitschülerin Klawa verliebt. Aber er konnte nicht ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Dann ging er zu seinem Vater und erzählte ihm alles. Auf die Frage: „Was soll ich machen, Vater?“ lautete die Antwort: „Leiden“. Unseren Kranken wurde nicht erlaubt zu leiden, sie waren an die frühe Anästhesie gewöhnt. Neulich las ich in einem Buch, dass es zum brutalen Verhalten mit dem Kind auch solches gehört, wenn die Eltern ihm nicht erlauben, Schmerz und Schwierigkeiten zu erleben. Die Persönlichkeit wird aus Narben gebildet. Und Genetik ist kein Muss, es ist Vorbestimmung. Hauptsache, welche Werte es in Ihrem Leben gibt – gleiche bekommt auch Ihr Kind. Der Preis des Lebens darf nicht mit dem Glas Alkohol oder einer „Tablette“ gleich gestellt werden. Wenn der Mensch Bescheid weiß, wozu, wird er sowieso es überstehen. Ich habe meine Ausbildung in Russland bekommen und wohl oder übel bin ich da häufiger, wo meine Kommilitonen sind, es geht um Moskau, ich setze die Arbeit mit der Gruppe der Wissenschaftler aus St.-Petersburg in neuen Richtungen in der Narkologie fort. So zeigen die unabhängigen Untersuchungen in St.-Petersburg, dass kein Drogenabhängiger in wirklich nüchternen Familien gefunden worden ist.
— Wie viele Jahre kann doch der Mensch mit dieser Krankheit am Leben bleiben?
— Nach der Anzahl der Todesfälle nennt man die chemische Abhängigkeit heutzutage die dritte Krankheit der Menschheit, aber ich halte die für die zweite, nach der Onkologie. Der Tod als Folge der Herz-Gefäß-Unsuffizienz beruht sich in 80 % der Fälle auf Alkohol oder Rauschgift. Bloß niemand stellt vor sich die Aufgabe festzustellen, was eigentlich Grund für einen Myokardinfarkt bzw. fatale Zerstörung des Herzrhythmus war. Drogenmittel oder Alkohol ist keine Batterie, die man einstellt, damit rennt, dann wieder herausnimmt und keine Nachfolgen hat. Nein, alle diese Empfindungen kommen auf Kosten der Gesundheit des Patienten. Mit der Zeit ändert sich die Form der Konsumption des psychoaktiven Stoffes, die Dosierung steigt, die zur Euphorie bringt, die der Organismus schon dringend verlangt und es kommt zum Zeitpunkt, wenn die Kachexie vorkommt. Die Alkoholiker sterben still im jungen Alter: sie werden einfach nicht wach – und qualvoll nach 55 – Insult bzw. Leberzirrhose.
— Soweit ich verstehe, zur Behandlung einer Krankheit – Medikamente, Tropfer gehören, und Sie „…Sippe, Geistigkeit, Sinn“, was macht man dann mit dem Körper – es schmerzt doch?
— Einer unter meinen Patienten, und sie sind vorwiegend starke, hoch intellektuelle Leute, hat wunderbare Meinung geäußert: „Die Religion ist für diejenigen, die nicht in die Hölle wollen. Und die Geistigkeit ist für diejenigen, die da schon waren und nicht zurück wollen“. Ich erlebe ein erstaunliches Gefühl der geistigen Befriedigung bei der Beobachtung, wie meine Patienten gesund werden. Es geht nicht um die körperliche Genesung – heutzutage gibt es genug Behandlungsmethoden gegen metabolische Störungen, die bei unseren Patienten vorkommen. Programme für Unterbrechung der Dipsomanie, Überwindung der Entzugserscheinungen bei den Drogensüchtigen, des biochemischen Drangs nach Alkohol und Drogen, starke regenerative Aminsäurenprogramme, Neuropeptide, medizinische Informationstechnologien, Mittel für langfristige Blockierung der Drogenwirkung – das alles gibt es in unserer Klinik, das ist meine Berufsehre – Behandlungsqualität – aber es ist alles für den Körper bestimmt. Und wie kommt man klar damit, wie soll man sein im Vergleich zu was man jetzt ist? Auf diese Frage gibt es eine Antwort bei Johann Wolfgang von Goethe: „Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist. Was ist aber deine Pflicht? Forderung des Tages“. Wenn meine Patienten letztendlich wirklich auf dem Weg der Selbstheilung sind, brauchen sie Unterstützung in allen Bereichen. Ihre Körper sind krank, in Gefühlen und Köpfen ist alles durcheinander, sie sind im Zustand eines seelischen Bankrotts. Sie beginnen mit der Suche nach dem Weg zu sich selbst. Ihr qualvoller Seitenweg des abhängigen Verhaltens führt sie zur eigenen Weisheit und das bedeutet Heilung. Für diese Heilung braucht man manchmal den ganzen Rest seines Lebens. Hauptsache – dem Patienten nicht lügen, „wenn wir uns gegenüber den Leuten so verhalten, als ob sie bereits so seien, wie sie potential sein können, helfen wir ihnen, so zu werden“. Für manche sind die Jahre der „seelischen Anästhesie“ und Vergessenheit, was sie in der Wirklichkeit sind, werden dann zum Hindergrund der Wiedergeburt. Bei manchen führt dieser Hindergrund zur Selbstbeschuldigung und als Folge – Krankheitsrezidiv.
— Wie steht es doch mit dem Problem der chemischen Abhängigkeit – ist das ein medizinisches oder ein psychologisches Problem?
— Wissen Sie, mit Rücksicht auf die heutigen Richtungen in den Rehabilitationsprogrammen gegen chemische Abhängigkeit kann man von Mehrdimensionalität des Herangehens zu diesem Problem reden – psychologisch, sozial, medizinisch, biologisch, geistig usw. Und nur die biopsychosoziale Einstellung ist die einzig mögliche bei der Behandlung dieser Erkrankungen.
— Viele sind der Meinung, dass Alkohol hilft, sich zu relaxen, zu entspannen. Einige gehen ins Kino, treiben Sport, andere behaupten, dass Alkohol und Rauschgift ihnen Erholung von Alltagssorgen gewährleisten.
— Unser Körper lebt vom Stoffwechsel und der Kopf – von Symbolen. Die Behauptung, Alkohol bzw. Droge beseitige den Stress, ist ein Fehlsymbol im kranken Kopf. Ein Glas С2H5OH und ein Rauschgift (abhängig von der Art) haben eine chemische Formel, die nach der Inkorporierung eine biochemische Gegenreaktion verursache, z. B. Äthylaldehyd — Ursache des schweren Katzenjammers und in der Zukunft – der Leberzirrhose. Um welche Entstressung geht es? Diese Einstellung ist „das Kleid des nackten Königs“.
— Was wir auf die Straßen, in Heimen für verlassene Kinder und auf den narkologischen Stationen sehen, zwingt zur Fragestellung: „Was ist zu tun?“
— Die Gestalt eines nüchternen, sportlichen, sauberen, gut riechenden, ausgezeichnet angezogenen, kompetenten sachlichen Mannes kommt allmählich ins gesellschaftliche Bewusstsein ein. Er trinkt nicht! Und diese Tatsache ist nicht mehr widerlich, ohne Bedenken, er sei „kodiert“, „krank“, „Schurke vielleicht“. Unser Bewusstsein ist schon auf die Befreiung von gefährlichen Symbolen bereit, und die Fortschritte in der Narkologie ermöglichen dem Körper, sich vom biochemischen Zwang zu befreien. Die Polinar-Klinik ist für mich von meinem ehemaligen Patienten gegründet, was bestätig, dass die chemische Abhängigkeit keine Ausweglosigkeit ist.




